Ullrich Läntzsch

  

Akademie

Arzbach

Entdeckung des Künstler in mir

 

 

 

 

Mitte 50, überzeugt als Regisseur und Drehbuchautor folge ich dem besten aller für mich vorstellbaren Lebensentwürfe – empfand ich mich jedoch nie als Künstler. Alles war Handwerk und das Streben nach Perfektion. Ausgleichendes Gegengewicht und völlige Entspannung fand ich in möglichst unberührter alpiner Natur.

Auf einem langen weglosen Abschnitt des wunderschönen oberbayerischen Arzbachs sollte ich dies ändern. Es begann mit der Provokation durch das Ausmaß des Mülls im Bach. Und dann kam auch noch eine an Absurdität nicht zu überbietende Betonmauer daher. Nur,  ich empörte mich nicht. Nein, erstaunlicherweise wollte ich nicht öffentlich protestieren, es kam mir auch nicht in den Sinn, den Spieß umzudrehen und nun selbst zu provozieren. Und, so muß ich gestehen, ich bin auch keiner der löblichen Naturfreunde die selbstlos solchen Müll einfach entsorgen.

Schon gar nicht wurde mir der Schmerz bewußt, der Schmerz durch die Verletzung, die mein ästhetisches Wohlbefinden erfahren hatte, und somit diente mein nachfolgendes Handeln auch nicht, diesem Schmerz zu begegnen – nicht bewußt. Dies erkannte ich erst im nachhinein.

Nur leicht verwundert über meine Gelassenheit stieg ich weiter entlang des Wildbachs durch wegloses Gelände, bis im Schatten unter besagter Betonmauer verbogener Baustahl aus dem Schotter des Bachbetts ragte. Ein erstes Mal griff ich zu. Spontan, absichtslos, und nur um das krumme Armierungseisen aus dem Wasser zu ziehen. Doch das vier, fünf Meter lange rostige Teil widersetzte sich. Aber ebenso hartnäckig wollte ich es dabei nicht belassen und mühte mich ab.

Nein, ich handelte nicht bewußt kreativ, nein, es war kein künstlerischer Akt, dieses nicht-locker-lassen, bis ich das Bewehrungseisen, abgestützt von etwas Treibholz, zu einem großen Bogen über den Bach aufgerichtet hatte. Das Ergebnis gefiel mir ausgesprochen gut, nur begriff ich mich noch längst nicht als Künstler – wie hätte ich bemerkten sollen meine „Kunsthochschule” hier am Arzbach gefunden zu haben.

*

Ohne im Geringsten zu ahnen worauf ich mich da eingelassen hatte beschäftigte ich mich weiter mit dem Müll. Weitere Rundeisen ließen sich damit dekorieren. So befriedigend es war sich mit dem Müll zu beschäftigen, so wenig überzeugten mich die Ergebnisse.

Neben Baustahl, einigen Autoreifen mit und auch ohne Felgen und einem längerem Stück Starkstromkabel fand ich immer wieder Kunststoff-Rohre, die zu meinem primären Rohmaterial wurden. Schwarz, 4 cm dick, mutmaßlich Reste einer ehemaligen Wasserleitung und insgesamt mochten es an die 200 Meter sein, die ich über die Jahre im Bach gefunden hatte.

Mein Wunsch, diese einigermaßen stabil zu verbinden brachten mich dazu, sie zu meiner Hütte im Tal getragen und ausgiebig zu experimentieren, denn intuitiv, ohne den Gedanken an ein Konzept, stand von vornherein fest, ich hatte auf jedweden Klebstoff ebenso zu verzichten, wie auf Verbindungteile aus dem Baumarkt. Der banalen Erkenntnis, Steine und Treibholz sind kein Müll, folgte, ich habe mich ausschließlich auf dem Müll aus dem Bach zu beschränken – dem, von dem all mein Tun ausging - auf die unerfreulichen Hinterlassenschaften unserer Zivilisation.

So durfte auch der große Bogen nicht länger durch Treibholz aufgerichtet über den Bach auskragen. Ein Verzicht, der zwar stets ein Mehr an Arbeit bedeutete, fast immer zu Lösungen führte, die die ursprüngliche ästhetisch in den Schatten stellte.

Die Beharrlichkeit im Ausprobieren zeigte schließlich den gewünschten Erfolg - die Rohre ließen sich angeschmolzen fest verbinden. Auch konnte ich so nun Dinge wie Glasscherben, Blechteile etc. einfassen. meiner Phantasie

Kurz ließ ich mich dazu verführen, die Überstände all dieser soliden Verbindungsstellen durch hobeln, schleifen und glätten fast restlos zu beseitigen, bis ich mir auch dies zumeist zu verbieten hatte. Auch meine Bearbeitungsspuren schrieben nur die Spuren fort, die das Bachwasser hinterlassen hatte. All diese Bruchstellen, Risse, Narben, Kratzer und Schründe, all dies, geheimnisvoll ins einst so makellose Industrieprodukt eingraviert, signalisierte die Wandlung von der einst begehrten und zu bezahlenden Ware zum unerwünschtem Müll. Zeit und Zufall, die Gewalt von Wasser und Felsen – der Bach hatte das Material beschrieben. Ein Text in einer Sprache deren Alphabet uns nicht bekannt ist, doch wer will kann ihn doch lesen, wirft er doch die Fragen auf, all die Fragen, die der Müll uns allen stellt.

Meiner Intuition hatte ich auch bei der Wahl der Orte zu folgen, wer will kann es auch ein Lauschen nennen, ein Hinhören auf das was der Bach mir sagen wollte. Nein, als Sockel für meine Skulpturen konnte und wollte ich keine x-beliebig ausgewählten Felsbrocken oder Baumstümpfe, sondern suchte und fang genügend Hinterbleibsel menschlicher Kultur vom Stahlseil über Baustahl und immer und immer wieder Betonblöcke aller Größen. Selbstverständlich verwendete ich auch keine Industriedübel, sondern verankerte alles mit Müll aus dem Arzbach.

Im Herbst 2009, nach dreijährigem Studium an der “Akademie Arzbach” verteilten sich entlang gut zwei Kilometer Bach 50 Skulpturen. Aus dem einstigen Erzbach war der Arzbach geworden und bevor ich mir noch viel Gedanken über die Namensgebung machte, nannte ich das ganze Installation ARTbach. Heute bevorzuge ich Installation I, so wie ich die Skulpturen ohne Namen belasse und nur als Objekt 1 bis 50 durchnumeriere.

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